Artgerechte Kaninchenhaltung

Von Beate Uhlig / SAMT e. V. Wenn sich Kinder ein Haustier wünschen, fällt die Wahl der Familie nicht selten auf ein Kaninchen. Für viele Menschen gelten diese Tiere als pflegeleicht und anspruchslos. Für die Langohren beginnt dann leider häufig ein Dasein als lebendiges Kuscheltier mit schwerwiegenden Problemen für die physische und psychische Gesundheit.

Auch wenn sie niedlich und flauschig sind, eignen sich Kaninchen keinesfalls als Schmusetiere für Kinder. Ganz im Gegenteil: Als Fluchttiere fühlen sie sich von zu viel körperlicher Nähe bedrängt. Außerdem reagieren sie generell sehr sensibel und sind krankheitsanfällig. Daher kommt einer artgerechten Haltung eine besondere Bedeutung zu. Diese ist aufwendig und kompliziert, ein Kind wäre, damit allein gelassen, überfordert.

Für eine artgerechte Kaninchenhaltung sollten folgende Punkte unbedingt beachtet werden:

1. Gruppenhaltung

Kaninchen sind sehr soziale Tiere und sollte keinesfalls alleine gehalten werden. In der Natur leben sie in großen Familien mit bis zu 50 Mitgliedern zusammen. Daher brauchen sie mindestens einen arteigenen Partner, um ihr Bedürfnis nach Sozialkontakten befriedigen zu können. Weder der Mensch, noch die Gesellschaft einer anderen Tierart wie z.B. Meerschweinchen, können diesen Partner ersetzen. Damit unerwünschter Nachwuchs verhindert wird, müssen die männlichen Tiere kastriert werden.

 

Zwei Kaninchen in einem artgerechten Gehege.
„Mit Freunden hoppelt es sich soo viel leichter!“

1. Platzbedarf

Kaninchen brauchen viel Platz und regelmäßigen Auslauf. Ein Käfig, wie er üblicherweise im Handel angeboten wird, ist als Lebensraum nicht ausreichend. Die Tiere müssen rennen, in die Höhe springen und Haken schlagen können. Für zwei Kaninchen muss ein Gehege mindestens 4 m² aufweisen, zusätzlich muss ein täglicher ausgedehnter Auslauf möglich sein.

artgerechtes Kaninchengehege
„So eine Villa mögen wir natürlich am Liebsten!“

2. Wohnungshaltung oder Außenhaltung

Eine tiergerechte Haltung in der Wohnung ist sehr schwierig. Neben ausreichend Platz muss das Gehege interessant und abwechslungsrein gestaltet sein. Es sollte Möglichkeiten zum Buddeln und Graben geben. Für den täglichen zusätzlichen Auslauf muss die Wohnung kaninchensicher gemacht werden, also z.B. giftige Zimmerpflanzen und Kunststoffgegenstände sowie Stromkabel außer Reichweite sein, um ein Anknabbern zu verhindern. Schäden an Teppichen und Möbeln, sowie Verunreinigungen in den eigenen vier Wänden durch Kot und Urin lassen sich nicht verhindern und müssen hingenommen werden. Für Mensch und Tier eine sehr unbefriedigende Lösung.
Deshalb empfehlen Tierschutzorganisationen wie SAMT e.V. ein ausbruchssicheres Gehege im Außenbereich, am besten mit verschiedenen Ebenen sowie Versteck- und Beschäftigungsmöglichkeiten, das vor Witterungseinflüssen und natürlichen Feinden Schutz bietet. Kaninchen vertragen keine extreme Hitze, es droht ein tödlicher Hitzschlag. Aber ebenso müssen sie mittels eines passenden Unterschlupfes vor Kälte geschützt werden. Um das Buddeln zu ermöglichen, wird am besten eine Kiste mit Sand aufgestellt. Da Kaninchen sehr reinlich sind, kann ein offenes Katzenklo mit kaninchenverträglicher Streu (keine Katzenstreu!) als Toilette dienen.

Inneneinrichtung eines artgerechten Kaninchengeheges
„Na, ist Euer Wohnzimmer auch so schön?“

3. Pflege

Die Reinigung des Geheges inklusive Buddelkiste und Toilette sollte täglich erfolgen und ist deshalb sehr zeitaufwändig. Weil sie Fluchttiere sind, mögen Kaninchen nicht gern auf den Arm genommen werden. Kindern muss ganz klar vermittelt werden: Kaninchen sind keine Kuscheltiere! Die dämmerungsaktiven Tiere verursachen in Gefangenschaft Nage-, Kratz- und Klopfgeräusche – vor allem nachts und am frühen Morgen, bei Wohnungshaltung ein echtes Problem. Tagsüber haben die Langohren gern ihre Ruhe. Der Auslauf findet daher am besten morgen und/oder in den frühen Abendstunden statt. Herkömmliche Futtermischungen entsprechen meist nicht den Bedürfnissen der Tiere. Die Beschaffung artgerechter und abwechslungsreicher Nahrung bedarf ebenfalls eines größeren Aufwands. Bei guter Pflege können Kaninchen 10 Jahre und älter werden.

4. Ernährung

Auch wenn es einige Gemeinsamkeiten gibt, gehören Kaninchen, wie oft fälschlicherweise angenommen, nicht zu den Nagetieren. Ihr Verdauungssystem benötigt eine rohfaserreiche Kost. Das wichtigste Nahrungsmittel ist Heu. Die Langohren nutzen damit ihre stetig nachwachsenden Zähne ab, denn sie müssen lange darauf herumkauen. Es sollte hochwertiges Heu immer in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, da die Tiere einen Stopfmagen haben, d.h. kommt von oben nichts nach, geht unten nichts raus. Im Sommer darf es auch mal frisches Gras sein, aber dann in Maßen. Frisches Obst und Gemüse sollten täglicher Bestandteil der Ernährung sein, Obst auch hier etwas reduzierter. Täglich frisches Wasser in einem sauberen Napf muss eine Selbstverständlichkeit sein. Das Essen des Blinddarmkots, den Kaninchen direkt vom After aufnehmen, ist für die Tiere notwendig, um bestimmte Vitamine zu erhalten. Kaninchen sollten dabei nicht gestört werden, damit ihre Verdauung nicht außer Kontrolle gerät. Vor welken Futterresten ist zu warnen, um einer gefährlichen Aufgasung des Darmes vorzubeugen (Trommelsucht).

fressendes Kaninchen
„Mmhh, daff pfmeckt fuper!“

5. Krankheiten

Kaninchen sind krankheitsanfällige Tiere und lassen sich Probleme oft nicht so leicht anmerken. Sie sollten daher gut auf Wesensveränderungen beobachtet werden. Immer wieder sterben Kaninchen qualvoll und unbemerkt, weil sie nicht unverzüglich behandelt wurden. Ein häufiges Problem sind Zahnerkrankungen aufgrund falscher Ernährung, Zucht und genetischer Ursachen. Zahnschiefstellungen führen zu schweren Verdauungsstörungen und ggf. weiteren Folgeerkrankungen. Bereits Zugluft kann für Kaninchen gefährlich werden, weil sie sich schnell erkälten oder eine schmerzhafte Bindehautentzündung der Augen davontragen. Kaninchen sollten regelmäßig zu tierärztlichen Routineuntersuchungen. Auch der Impfschutz gegen die ansteckenden Kaninchenseuchen RHD und Myxomatose muss gegeben sein. Im Sommer müssen die Tiere, vor allem in Außenhaltung, regelmäßig auf Madenbefall kontrolliert werden. Muss ein Kaninchen doch einmal auf den Arm genommen werden, dann darf es niemals nur im Nacken oder an den Ohren gehoben werden. Das Tier könnte sich so stark wehren, dass im schlimmsten Fall das empfindliche Rückgrat bricht. Am besten packt man es mit der einen Hand unter dem Brustkorb, mit der anderen stützt man Rumpf und Hinterbeine.

Mit der Versorgung eines Haustieres sollten Kinder nie alleine gelassen werden. Bei der Anschaffung stehen allein die Eltern in der Pflicht, für eine artgerechte Haltung zu sorgen. Sie müssen bedenken, dass ein Kind nicht immer regelmäßig allen Pflichten nachkommt oder vielleicht nach kurzer Zeit das Interesse an dem neuen Bewohner verliert. Um bereits im Vorfeld zu vermeiden, dass ein Tier schlecht gepflegt wird oder gar in einem Tierheim landet, sollte ein neues Haustier immer eine Familienanschaffung sein und gut bedacht werden. Es sollte vorher abgeklärt werden: Welches Tier ist für uns geeignet, und können wir überhaupt eine artgerechte Unterbringung bieten? Wer sich dann nach reiflicher Überlegung entschließt, Kaninchen aufzunehmen, sollte erstmal im Tierheim oder beim Tierschutzverein anfragen. Hier hat man den Vorteil, dass in der Regel bekannt ist, welche Tiere sich untereinander gut vertragen. Vom Kauf in einer Zoohandlung ist dringend abzuraten. Die Tiere leiden dort oft aufgrund schlechter Haltungsbedingungen und anhaltendem Stress durch den Kundenbetrieb. Die Herkunft ist zumeist undurchsichtig und zwielichtig, der Verbleib von kranken oder nicht verkauften Tieren fraglich und kaum nachvollziehbar. Schenken Sie lieber mit einem guten Gewissen einem heimatlosen Tier aus dem Tierheim oder von privaten Pflegestellen ein neues Zuhause!

Weiterführende Informationen unter: www.kaninchenschutz.de

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